Tara – Folge 7

Aufwachen, aufwachen

Der frühe Morgen entwickelte sich zu Taras Lieblingszeit. Wenn der Verstand noch gegen Nebel kämpfte, die Augen im Zimmer umherwanderten, man alles erkannte und zufrieden, weil unwissend war.

Keine Schmerzen, keine Diagnose, keine Krankheit.

Stattdessen Wärme, Wohlsein und Jetzt.

Alle Möglichkeiten lebten, sie fühlte sich wohl und meistens sogar ausgeschlafen. Seit den Kindern gab es keinen Tag mehr, an dem sie nicht zumindest um sechs Uhr aufgewacht wäre. Manchmal gab es die Gelegenheit, darüber hinaus liegen zu bleiben. Sie genoss diese Momente. Heute mehr als früher.

Bevor ihr Leben dem Tod geweiht gewesen war, hatte sie die Zeit dazu genutzt, um im Kopf Listen aufzustellen, was tagsüber alles erledigt werden musste. Effizient sein, lautete die Devise. Haushalt, Kinder, Frau-Sein, Hobbies, Ehe. Sie war für all das verantwortlich und machte ihren Job gut. So unglaublich gut, dass sie nie vergessen hatte, alle zwei Monate mit ihren Freundinnen einen Wellnesstag einzulegen oder Jonas und Mathias pünktlich beim Fußball abzuliefern. Außerdem passte die Dekoration vor der Tür zur Jahreszeit und der Tanzkurs verband das Sinnvolle mit dem Ehemann. Sie war eine Vorzeigefrau gewesen, allerdings wurde ihr nun unter die Nase gerieben, dass man ein langes, glückliches Leben mit all dem nicht verdienen konnte. Es war ein Geschenk und sie hatte es längst bekommen. Längst. Allerdings war es ihr mehr so erschienen, als hätte man ihr auf dem Markt zum Muttertag eine Rose in die Hand gedrückt. Ein flüchtiges Danke, kein Blickkontakt und weiter im Text. Sie hatte es schlicht und ergreifend nicht bemerkt und – schlimmer noch – nicht gewürdigt.

Tara kratzte sich in den Kniekehlen.

Auch das war eine Nebenwirkung ihrer Diagnose. Sie wusste bei den einfachsten Dingen – wie zum Beispiel Juckreiz – nicht mehr, ob es normal war oder als Symptom gesehen werden musste.

Ungeduldig seufzend drehte sie sich um.

Da lag ihr Mann und Tara wurde es nicht müde zu erwähnen, dass er zugleich ihr bester Freund sei.

Eine Freundin meinte daraufhin einmal genervt: „Hör auf, das so zu sagen! Man kann ihn sich dann immer nur als Schwächling vorstellen, die es im Bett nicht bringt.“

Aber so war es nicht. Es gab durchaus romantische und erotische Momente zwischen ihnen. Beweisstück Nummer eins war die spontane Aktion auf der Toilette eines Fastfoodrestaurants mitten in der Nacht. Ein sexuelles Highlight war es nicht geworden, aber es zählte als Abenteuer, das nicht viele verheiratete Frauen kannten und dafür war sie ihm im Nachhinein auch dankbar.

Henni behauptete immer, dass er sie schon in der Volksschule geliebt hatte. Damals legten sie den Schulweg gemeinsam zurück und nach dem Mittagessen trafen sie sich zum Spielen.

Es kam die Pubertät dazwischen, in der die Geschlechtertrennung wichtig wurde und sie kaum ein Wort miteinander wechselten.

Aber irgendwann, als Jungs wieder interessant wurden, trafen sie einander zufällig in einer Bar und schafften es fast lückenlos, an die Vertrautheit früherer Tage anzuknüpfen.

Lachen, reden und Kinobesuche folgten und Freunde sprachen schon längst als Paar von ihnen, als sie noch keinen Gedanken daran verschwendet hatten.

Irgendwann ließen sie sich von den ständigen Kommentaren soweit beeinflussen, dass sie scheu nach der Hand des anderen langten. Wer die Initiative dazu ergriff, war bis heute ein Diskussionsthema. Jeder verwies vehement auf den anderen.

Sie gewöhnten sich daran und eines Tages, als beide bei einem Kostümfest aufeinander trafen, folgte der erste Kuss. Die Tatsache, dass keiner das wahre Gesicht zeigen musste, hatte eindeutig erlösend gewirkt.

Dummerweise kam der Moment, wo sie sich nüchtern und ungeschminkt gegenüberstanden. Sie zögerten, wussten nicht, wie an die vergangene Nacht angeknüpft werden konnte.

Peinliches Gestammel und scheue Blicke waren die Folge, die einer Freundin derart zuwider waren, dass sie Tara ungeduldig darauf hinwies, endlich Nägel mit Köpfen zu machen oder zu verschwinden. Die Sechzehnjährige war mit dieser Ansage überfordert und entschied sich für Variante Nummer zwei. Ohne ein Wort stand sie auf und ging nach Hause.

Lachend, weinend, zweifelnd, schreiend und schimpfend wanderte sie den ganzen Weg bis zur Haustüre. Sie betrauerte das, was sie gehabt und das, was sie mit ihrem Weggehen beendet hatte.

Und dann stand er da. Atemlos. Mit roten Wangen und wirren Haaren, weil er sie sich ständig gerauft hatte.

Als sie einander erblickten, fielen tausend Puzzleteile an ihren einzig richtigen Platz und von diesem Moment an waren sie ein Paar. Immer und in jeder Sekunde.

Henni schlief noch, als Tara an die Anfänge zurückdachte, doch seine Stirn war in Falten gezogen, als würde er ein schweres mathematisches Rätsel lösen wollen. Die langen Wimpern lagen auf den Wangen und Tara konnte nicht widerstehen. Sie beugte sich so nah an ihn heran, dass sie ihm einen Schmetterlingskuss geben konnte. Das Streicheln ihrer Wimpern auf seinem Gesicht weckte ihn auf – womöglich waren es auch die Nähe, ihr Atem oder die Bewegung gewesen.

Mit einem Murren schob er sie von sich weg. Tara ließ sich in ihr Kissen fallen und wartete, bis er die Augen öffnete. Drei Atemzüge dauerte es, dann sah er sie mit verschlafenen Augen an. Sie lächelte, er beobachtete und dann legte er den Arm auf ihre Hüften.

Vier Sekunden Augen geschlossen, fünf offen. Drei geschlossen, acht offen. Zwei Mal kurz blinzeln.

Ein verschmitztes Lächeln seinerseits.

Aufwändig robbte er näher und vergrub seine Nase in ihren Haaren.

„Ich wünschte, wir könnten ewig hier liegen bleiben“, flüsterte er.

Die Antwort des Universums kam postwendend. Benjamin stürmte im Pyjama in das Zimmer.

Liegenbleiben gab es nicht. Das Leben wollte gelebt werden, ganz egal unter welchen Umständen.

 

Folge 8

 

4 Antworten zu “Tara – Folge 7

  1. Erst wenn man weiß, dass diese Momente endlich sind, wird man sich ihrer Wertigkeit bewusst.

    • Manchmal hilft auch bei anderen zu erleben, dass sie endlich sind und das in das eigene Leben mitzunehmen.

      • Oh ja, einfach inne halten und die Schönheit des Augenblick genießen.

      • Ich kann dem anderen nicht sein Schicksal oder seine Geschichte abnehmen, aber ich kann mich fragen, was das für mich und für mein Leben bedeutet. Was will ich tun? Wie, mit wem und wie lange?
        Wie kann ich dem Ganzen einen (überaus persönlichen) Sinn geben?
        Der augenblickliche Genuss von Schönheit gehört da wesentlich dazu.

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