Tara – Folge 9

Man weiß nie

Die kuschelige Decke hatte Tara bis zur Nase hochgezogen, die Kapuze ihres Sweatshirts eng ums Gesicht gebunden und die Füße mit den Armen umschlungen. Gerne würde sie schlafen, doch das schien ihr nicht vergönnt. Deshalb lag sie im Wohnzimmer und blickte auf den Fernseher, ohne dem Film folgen zu können. Ein Tee würde womöglich helfen, die innere Kälte zu vertreiben, aufstehen wollte sie aber nicht.

Die letzten Stunden über hatte sie Theater gespielt und mit aller Kraft die Einzelteile ihrer selbst zusammengehalten. Zwei Minuten nachdem die Jungs im Bett waren, hatte das Konstrukt aber nachgegeben und war implodiert. Zurückgeblieben war sie als ein Häufchen Elend.

Zwischendurch fasste sie sich wieder, konnte einen Teil des Filmes verstehen oder kam nahe an den Punkt, wo heilsamer Schlaf sie davontragen würde. Doch jedes Mal mischte sich ein fieser, stacheliger Gedanke dazwischen und sie wurde erneut von leisen Tränen oder heftigen Schluchzern belebt.

Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, als sie Henni an der Haustüre hörte. Da sie kein Telefon mehr besaß, hatte er ihr nicht Bescheid geben können, warum er heute so lange unterwegs war. Entweder hatte es bei der Arbeit gedauert oder er war mit Kollegen noch etwas trinken gegangen.

Sie wollte mit ihren verheulten, geschwollenen Augen nicht sehen, wie er auf ihren Anblick reagierte, deswegen sah sie nicht hoch. Außerdem wäre sie dabei nur von Neuem in Tränen ausgebrochen.

„Hi“, sagte er leise und sie gab ein Geräusch von sich, das einem Gruß ähneln konnte.

Der Schlüsselbund wurde auf der altertümlichen Kommode abgelegt.

Dass Henni nun nichts mehr sagte, konnte nur bedeuten, dass er ihren Zustand bereits erfasst hatte und das rührte sie so sehr, dass sie schniefend die Decke über das Gesicht zog.

Seine Schritte waren unhörbar, erst als sie seine Berührung spürte, wusste sie, dass er ihr ganz nah war. Den Arm legte er um ihre Schultern und rieb beruhigend ihren Rücken. Danach zog er langsam die Decke von ihrem Gesicht.

Erleichtert stellte sie fest, dass er nicht getrunken hatte. Damit hätte sie in diesem Moment nicht umgehen können.

Selbst an dem einzelnen Finger, der eine ihrer Haarsträhnen zur Seite schob, spürte sie, wie warm er war. In der Kälte, die sie gefangen hielt, war das wie ein Rettungsanker.

In der kleinsten möglichen Bewegung streckte sie den Zeigefinger ihrer Faust, die fest unter das Kinn gepresst war, aus und deutete auf den Tisch.

„Taschentuch“, presste sie dazu hervor.

Henni verstand und reichte ihr eines.

Während sie sich die Nase putzte und die Tränenspuren abwischte, griff Henni nach den bereits angesammelten feuchten Taschentüchern unter ihrer Decke und warf sie kurzerhand auf den Boden.

Dann kletterte er über sie, hob die Decke an und schmiegte sich an ihren Rücken. Die Arme legte er um sie.

Für Tara zählte vor allem die Wärme. Sie taute regelrecht auf und stellte ihre Füße auf seine.

Einige Minuten dauerte es, bis sie sich wieder wohl in ihrem Körper fühlte. Als sie begann, seine Gürtelschnalle in ihrem Rücken wahrzunehmen, seinen Atem und die zarten Küsse am Hinterkopf, als sie wie von selbst mit seinem Ehering spielte, da kam auch ihre Stimme zurück.

„Benjamin hat die Windpocken“, begann sie zaghaft.

Henni rieb seine Nase an ihrem Hals.

„M-hm“, bestätigte er murmelnd.

„Der Arzt meinte, ich solle meine Werte checken lassen. Unter Umständen sei das für ein angeschlagenes Immunsystem“, ihre Stimme brach, „gar nicht ohne.“

Zwei heiße Tränen bahnten sich den Weg über ihre Wangen.

Der Griff von Hennis Armen wurde stärker. Er hielt sie fest, ließ sie nicht ins Bodenlose fallen, gleichzeitig brauchte auch er den Halt, das spürte sie genau.

„Ich hab einfach…“, sie schniefte, „ich war bei Mama und sie haben noch angerufen und…“

Weil sie nicht weitersprach, legte Henni sein Gesicht an ihres. Noch näher konnte er ihr gar nicht kommen und obwohl er sie fast erdrückte, war es genau das, was sie nun brauchte. Den eigenen Körper und ihn zu spüren, genau die Abwesenheit davon hatte sie zuvor zerbrechen lassen.

„Ich hab einfach…“, quälte sie sich durch die Worte und ihr Herz schmerzte, „wegen den Windpocken…“, sie zog die Nase hoch, „das ist in Ordnung, aber…“ Verzweifelt legte sie ihre Hand an Hennis Wange. Er überdeckte sie mit seiner.

„Wärme. Er war so warm“, schoss es Tara durch den Kopf.

„Meine Werte sind schlechter und…“, als würde sie aus tiefem Wasser auftauchen, musste sie nach Luft schnappen. „Das ist so blöd! Ich wusste das.“ Sie kniff die Augen fest zusammen, doch die Tränen konnten nicht aufgehalten werden. „Es ist ein Countdown“, brachte sie noch hervor, dann wurde sie von einem Heulkrampf übermannt.

Warum sie diese Botschaft derart aus der Bahn geworfen hatte, konnte sie bei klarem Verstand nicht erklären. Das war ihr vorhergesagt worden und sie hatte seither jeden Tag damit gelebt, dass ihre Zeit unweigerlich ablief. Es aber zu hören, zu wissen, dass es schwarz auf weiß irgendwo protokolliert werden konnte, das war schmerzhaft. Sie wünschte sich, nichts von alledem zu wissen.

Henni blieb und rührte sich kaum. Er sagte nichts, versuchte auch nicht sie zu beruhigen. Er hielt sie einfach fest und wartete.

Als das Schlimmste überstanden war, musste sie sich ein kleines bisschen Platz erkämpfen. Sie brauchte Luft zum Atmen, deshalb langte sie nun selbst nach den Taschentüchern.

Erschöpft legte sie sich nach dem Naseputzen zurück in seinen Arm.

„Ich will einfach leben, Henni“, flüsterte sie.

Er beugte sich über sie und küsste ihre Schläfe.

„Du lebst, Tara. Du lebst. Jeden Tag. Wir machen das gemeinsam. Man weiß nie!“ Noch ein Kuss. „Man weiß nie und darum leben wir jeden einzelnen Tag. Wir beide.“

Seufzend schloss sie die Augen. Ja.

 

Folge 10

 

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