Quer durch Raum und Zeit

Tara wollte sich wehren. Ein Schitag mitten unter der Woche, das war absurd. Aus einer spontanen Idee geboren, entschuldigte Henni sowohl die Kinder als auch sich selbst und belud das Auto. Dies war ein so untrügliches Zeichen für ihre zerrinnende Zeit, dass Tara am liebsten eine Demonstration gegen ihre Familie angezettelt hätte. Nur mit Wasserwerfern und Helmen sollte man sie davon abhalten können. Sie wollte diese Ausnahmen nicht. Nein!

Im selben Augenblick sehnte sie sich nach diesem Tag. Mehr als angemessen schien es ihr, dass ihre vier Männer wegen ihr den gesellschaftlichen Konventionen den Rücken kehrten. Niemand würde sich dafür bedanken, wenn sie diese Chance ungenutzt verstreichen ließen. Sie hatten es alle verdient und für ein paar gemütliche Stunden am Übungshügel reichte auch ihre Energie bestimmt aus.

Schlussendlich verabschiedete sie sich von ihren rebellischen Gedanken.

Unermüdlich trippelte Benjamin zum Förderband und übte, damit er schon bald mit seinen Brüdern auf die steilere Piste nebenan wechseln konnte. Ebenso unerlässlich half ihm Tara beim Aussteigen oder wenn sich Schier und Beine allzu sehr verknoteten.

Die Mittagspause kam ihr allerdings gerade recht, damit sie sich von der ständigen Bewegung erholen konnte. Ihr Seniorenhandy passte mittlerweile ganz gut zu ihrem Aktionsbedürfnis.

Es war sonnig und überraschend warm. Als sie zu fünft auf der Terrasse des Gasthauses saßen, zogen sie alle ihre Winterjacken aus und füllten Millionen von Zellen mit hellen Strahlen auf.

Tara beobachtete, wie Henni mit einem Tablett durch die Bankreihen balancierte. Fünf Mal heiße Schokolade stand darauf. Dazu zwei Mal Würstchen, einmal Spaghetti und zwei Portionen Pommes.

Nach einem halben Tag an der frischen Luft wirkte er jünger und vitaler als in den letzten Wochen. Spontan erschien vor ihrem inneren Auge ein Bild aus früheren Zeiten. Eine gemeinsame Radtour und es ging über eine längere Strecke steil aufwärts. Tara konnte nicht mit Henni mithalten, er fuhr seinen Rhythmus und sie ihren, denn beide wussten, die Stelle kam, da fanden sie wieder zueinander. Schnaufend und schwitzend näherte sich Tara diesem Punkt, ein um das andere Mal blickte sie auf und sah ihn. Wie er mit roten Wangen und schon wieder ruhigem Puls dastand und auf sie wartete. Sein Lächeln wirkte dabei, als würde er sie sehnsüchtig erwarten, als wäre es keine Selbstverständlichkeit, dass sie zu diesem Treffpunkt kam.

Wie hatte sie diese Augenblicke geliebt!

Und genau mit diesem frischen Rot auf den Wangen kam nun Henni auf sie zu. Mit konzentrierter Miene zwar, dennoch konnte sie ihren Freund von früher deutlich erkennen. Er stellte das Tablett ab, die Buben beugten sich alle zeitgleich darüber und er ließ sie gewähren, weil er sich stattdessen an Tara wandte. Dazu richtete er sich auf und strahlte sie genau mit diesem unvergleichlichen Lächeln an. Asymmetrisch, weil sich das linke Auge ein wenig mehr schloss. Ein Lächeln, das er nun ganz alleine an sie verschenkte. Warum sie ihn derart anstarrte, sprachlos und höchst erfreut, konnte er kaum wissen, doch er war nicht verlegen, stellte auch keine Frage dazu. Ein Augenzwinkern seinerseits löste den Moment auf. Er hatte im Gegensatz zu Tara bemerkt, dass die Essensausgabe auf dem Tisch zu einem kleinen Disput geführt hatte und erwachsene Unterstützung nötig war, wollte man Pommes und Nudeln nicht demnächst vom Boden aufputzen.

Das Essen begann umständlich, weil sich angesichts der Speisen die Wünsche der Kinder noch einmal änderten und schnell Kompromisse gefunden werden mussten. Sobald die ersten Bissen in den Mündern verschwanden, wurde es aber ruhig und Henni knüpfte mit seinem Lächeln ganz einfach dort an, wo sie zuvor unterbrochen worden waren. Dieses Mal griff er über den Tisch hinweg Taras Hand, lehnte sich zu ihr und gab ihr mit einem „Schön, dass du da bist“ einen Kuss.

Das war es gewesen! Er wusste es! In ihm lebte offenbar genau in diesem Augenblick dieselbe Erinnerung, denn mit diesen Worten hatte er sie stets begrüßt, sobald sie ihr Fahrrad abgestellt hatte.

„Ich liebe dich“, antwortete Tara.

Henni streichelte ihre Wange und gab ihr noch einen Kuss.

„Ich liebe dich auch.“

„Mama, jetzt musst du das mit den Äpfeln sagen“, platzte Benjamin dazwischen.

In wenigen Minuten hatte er es geschafft, Ketchup über sein ganzes Gesicht und beide Hände zu verteilen. Er grinste Tara freudig an, während sie gar nichts verstand. Eben war sie noch zwanzig Jahre alt gewesen und hatte sich auf einer Fahrradtour mit ihrem Freund befunden.

„Was?“

„Das mit den Äpfeln“, wiederholte Mathias, der anscheinend genau wusste, was sein kleiner Bruder angesprochen hatte.

„Welche Äpfel?“

„Wegen den Pommes und der Schokolade“, erklärte schließlich auch noch Jonas. „Du musst sagen, dass wir danach etwas Gesundes essen müssen und die Äpfel aus dem Rucksack holen.“

Tara empfand es als ihre Mutterpflicht, dass sie bei jedem Schitag, der eine Ausnahmesituation in Punkto ausgewogene Ernährung darstellen durfte, auf ein wenig Obst zum Nachtisch bestand. Es war immer ein Hin und Her zwischen „Ich mag nicht“, „Ich bin satt“ und „Nur ein paar Bissen“ gewesen. Dieses Mal hätte sie tatsächlich darauf vergessen, es großzügig unter den Tisch fallen lassen. Wie wichtig war das aus ihrer heutigen Perspektive aus betrachtet? Die Buben hingegen liebten die Apfel-Diskussion, für sie war es, und das erkannte Tara in diesem Moment, ein wichtiges Ritual. Etwas, das die Mama immer machte, wenn es Pommes zum Essen mit Trinkschokolade gab.

Henni schmunzelte und Tara hätte ihm am liebsten gesagt, dass er sich das merken müsse. Auch später, im nächsten Jahr, wenn sie nicht mehr dabei sein konnte, dann musste er an die kleine grüne Plastikdose mit den Apfelstücken denken. Die war wichtig.

Statt es vor den Kindern auszusprechen, beugte sie sich über den Rucksack und genoss die freudvollen Kindergesichter, als sie wie ein Versprechen das bedeutungsvolle Utensil des bekannten Spiels auf dem Tisch platzierte.

Wenn ein Lächeln acht Jahre unbeschadet überdauern und unerwartet wiederbelebt werden konnte, dann musste es eine Plastikdose erst recht schaffen. Sie musste, bitte, bitte, betete Tara innerlich. Das wäre dann sie, die in grüner Form im Leben ihrer Söhne Platz bekam.

 

 

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4 Kommentare

Eingeordnet unter a G'schichtle

4 Antworten zu “Quer durch Raum und Zeit

  1. Wie schön so eine Normalität sein kann. Die wahre Schönheit merkt man häufig zu spät.

    • „Sollst du von einem Ort in Bälde scheiden,
      wird er sich dir sofort mit Reiz umkleiden.“
      Dieser Spruch gilt wohl nicht nur für geografische Punkte.

  2. …und füllten Millionen von Zellen mit hellen Strahlen auf…

    Was für eine feine Eingebung!
    Und was für eine feine Morgenlektüre, Dankeschön!

    Liebe Morgengrüße vom Lu

  3. Pingback: Hass ist nicht immer Hass | marga auwald

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