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Der Mensch denkt und Gott lenkt

Da komme ich nur unregelmäßig auf dem Blogspielplatz vorbei und fange dann ausgerechnet mit Gott an?
Man wird es mir verzeihen. Das eine wie das andere.

Nicht nur ich kenne das. Wenn Unglaubliches, Schreckliches, Erschreckendes, Trauriges passiert, so ist es mitunter die (letzte) Konsequenz (die Rangordnung hängt ein bisschen von der persönlichen Glaubenskonstitution ab), dass man es als gottgegeben, Gottes Willen, göttlichen Weg und ähnliches beschreibt. Eine legitime Variante, um damit umgehen zu können. Beispiel fürs leichtere Mitdenken? Ein Kind, das nur acht Jahre alt wird.
Im Grunde wissen wir ja alle, dass dieses Leben ein temporäres Vergnügen ist, aber in der praktischen Umsetzung bzw. im direkten Erleben ist das nicht immer ganz so locker aus der Hüfte zu schütteln. Da braucht es Beistand. Göttlichen mitunter.

Glaubende sehen es also – darauf will ich hinaus – als möglich, dass ein Leben mit acht Jahren beendet und trotzdem vollkommen ist. Vollkommen, obwohl wir uns 90 leidensfreie Jahre mit Tod im Schlaf ausdenken. Nicht unsere Wünsche und Vorstellungen sind die letzte Instanz. Eine Kraft, die man Gott, Buddah usw. nennt, weiß es besser und wir nehmen das Los an – wie man so schön sagt.

Kleiner Themenwechsel mit einer Frage zur Haltung bei nicht ganz so drastischem Auseinanderdriften von Vorstellung und Realität:

Wenn diese eine göttliche Kraft beim Bemessen der Lebensspanne schon mehr weiß, warum besteht man so verbohrt darauf, dass eine Ehe anderen Spielregeln unterliegt?

 

 

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Zitronen voller Bilder

Es denkt ja zuweilen einiges in mir drin und ich folge dem mehr oder minder bewusst. So könnte ich eine längere Geschichte dazu erzählen, warum es hin und wieder um Zitronen gehen soll; oder einfach loslegen.

Ein geflügeltes Wort: Wenn das Leben dir Zitronen reicht, dann mache Limonade daraus.

Ja, bestens. Für mich gehört das gefühlt in ein Kaff im Süden der USofA. Selbst habe ich noch nie ausprobiert, wie (und ob) das geht. Fangen wir mit einem Rezept an.

Es braucht unbehandelte Zitronen und 25x mehr Zucker. Das ist schon alles. Beispiel gefällig? 4 Zitronen und 100g Zucker. 5 Zitronen und 125g Zucker.
Früchte waschen, Schale abreiben, diese mit dem ausgepressten Saft und dem Zucker eine Handvoll Minuten lang kochen lassen (= 5 min) und in eine sterilisierte Flasche abfüllen.

Okay, das ist keine Limonade, sondern der Sirup dafür. Vorteil: Ob Sprudelwasser oder stilles kann ganz individuell entschieden werden.

Wichtig zu erwähnen: Gibt das Leben dir Zitronen, bitte um 25x mehr Zucker dazu.

Was mir jetzt noch fehlt (und damit komplettiere ich mein Zitronenlimonadenbild): Rüschenschürze und Trinken auf der Veranda.

 

 

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Ohne ist alles nichts

Wenn mir das Wasser nicht nur bis zum Hals steht, sondern ich schon darin treibe.

Wenn ich einsam durch eine überfüllte Stadt gehe.

Wenn alle die Gegenrichtung ansteuern.

Mit Inbrunst – und ich wünschte, alle würden es glauben:

I am (and: we are) nothing without love!

Nate Ruess: „Nothing Without Love“

 

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Null Poesie

Ich dekantiere Wein nicht, ich schenke ein.
In der Küche zaubere ich nicht, sondern koche – schnell und effizient.
Anstatt mich zu kleiden, ziehe ich etwas über.
Ich bin nicht charmant, dafür nicht ganz ernst zu nehmen.
Die Bücher sind nicht geordnet, sondern weggestellt.
Lebensmittel in den Schränken befinden sich meist in der angebrochenen Verpackung.
Meine Finger fliegen nicht über die Tastatur – ich tippe.
Die Wohnung wird nicht aufgehübscht, sondern geputzt (in kleinen Einheiten).
Vor dem Genuss steht das Essen.
Ich verliere mich selten in etwas, Kunst verstehe ich kaum.
Was ich an Gedichten kenne, stammt noch aus der Schule.
Ich trage nicht vor, spreche stattdessen.

Manchmal blicke ich mich derart (und diese Aufzählung ist nur sporadisch und rasch erstellt worden; ist demnach unvollständig) in meinem Leben um und entdecke null Poesie in meinem Dasein.
Es ist nur… Ich glaube mir das selbst nicht.
Darum werde ich meinen Blick bewusst ändern und mich auf die Suche nach den kleinen Mehrs machen, die da versteckt sind.
Mal sehen, was auftaucht.
Das Leben ist ein Paradox!

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Ein Königreich für Alltag

Henni rückte nahe an Tara heran, was sie mit einem unwillkürlichen Murren quittierte. Der Schlaf hatte sie noch nicht völlig losgelassen, seine körperliche Präsenz mischte sich mit Traumbildern.

„Tara“, hauchte er in ihr Ohr. „Schatz, du musst aufstehen.“

„M-hm“, bestätigte sie.

Er verschwand. Vermutlich im Badezimmer und Tara wappnete sich für den Tag.

„Tara“, war Henni auch schon wieder da. Sie öffnete die Augen nicht, er schien aber vor dem Bett zu stehen und streichelte ihre Wange. „Aufstehen, Schlafmütze“, sang er sanft. „Ich muss ins Büro.“

Ja, das wusste sie. Nach der Auszeit gestern, gab es für ihn nun einiges aufzuholen und eine Sitzung stand an.

„Ich komme gleich“, seufzte Tara und drehte sich auf den Rücken, den Arm über die Augen gelegt.

Nur zwei Minuten noch benötigte sie, um diese Müdigkeit abzuschütteln, die Schwere, die ihre Glieder in der horizontalen Ebene gefesselt hielt. Die Decke lag warm ausgebreitet auf ihr und mit ein wenig Phantasie konnte sie sich vorstellen, dass Henni sie noch immer im Arm hielt. Vollkommene Geborgenheit.

„Tara?“

Wieder war Henni da, um sie zu erinnern, dass Pflichten auf sie warteten.

„Nur einen Moment noch“, erklärte sie. „Ich komme gleich. Ich muss nur noch…“

War er überhaupt noch da? Vermutlich interessierten ihn ihre Gründe sowieso nicht und so ließ sie das Ende des Satzes unausgesprochen.

„Scheiße!“, schimpfte Henni irgendwo im Raum.

Sie wollte ihm gut zureden, sagen, sie käme gleich, doch dann war ihr die Wiederholung des Immerselben zu dumm und sie schwieg einfach. Mit einem tiefen Atemzug genoss sie ihr warmes Nest noch für ein paar Sekunden.

Schlagartig öffnete Tara die Augen. Egal wo sie sich träumender Weise gerade aufgehalten hatte, nun war sie von einer Sekunde auf die andere ganz hier angekommen. Genüsslich streckte sie sich, rieb die Augen und schlug die Decke zur Seite.

Tara gähnte, als sie aus dem Schlafzimmer trat und im nächsten Moment blickte sie sich irritiert um. Im Zimmer war es dunkel, die Rollläden noch geschlossen. Im Flur allerdings überraschte sie Tageslicht. Im Winter war es um diese Zeit nicht hell. Nein, das war unmöglich. Einige Male blickte sie abwechselnd hinter sich und dann nach vorne. Träumte sie noch? Ein Adrenalinschub brachte sie wieder in Bewegung. Mit raschen Schritten ging sie zum Fenster des Schlafzimmers und öffnete die Verdunkelung.

„Oh, Gott!“, stieß Tara aus und rannte nach draußen.

Sie hatte offenbar verschlafen. Gehörig verschlafen. Die Buben sollten eigentlich schon längst in Schule oder Kindergarten sein. Henni war seit Stunden aus dem Haus und die Kleinen alleine auf sich gestellt.

Doch das Kinderzimmer war leer und weder in Wohnzimmer noch Küche fand sie die Buben. Ihr wurde zum Weinen zumute. Was war hier los? Warum war sie alleine zu Hause? Drehte sie nun durch? Verlor sie den Bezug zur Wirklichkeit? Hatte sie etwas vergessen?

Vier Worte, von Henni groß auf die Rückseite eines Flugblattes geschrieben und mitten auf dem Küchentisch platziert, waren erste Anhaltspunkte, die Tara kaum beruhigen konnten. Bitte ruf mich an, stand da geschrieben.

Nun bemerkte sie auch das schmutzige Geschirr, das sich auf der Anrichte stapelte. Es hatte also Frühstück für alle gegeben.

Natürlich versuchte sie als erstes ihren Mann zu erreichen, doch er hob nicht ab.

Angst machte sich in ihr breit. Angst davor, was die Krankheit aus ihr machen konnte. Was, wenn das nur der Auftakt war?

Vier Minuten lang hatte sie Zeit, sich in diesen Emotionen zu verlieren, bevor Henni zurückrief.

„Oh Henni, es tut mir leid“, sagte sie sofort.

„Geht es dir gut?“, erkundigte sich Henni mit verhaltener Stimme.

„Ich habe verschlafen. Es tut mir leid. Ich… ich weiß auch nicht. Ich habe nicht bemerkt, wie viel Zeit vergeht.“

„Hey, mein Schatz, beruhige dich. Sag mir einfach, wie es dir geht.“

„Ich bin durcheinander“, gestand sie.

„Aber sonst? Ich habe noch ein Meeting, aber… Soll ich nach Hause kommen? Ich war mir nicht sicher…“

„Nein.“ Tara begann zu frösteln, das Adrenalin baute sich ab. „Ich komme klar. Ich bin… Mir ist… Wo sind die Jungs?“

Es entstand eine kurze Pause.

„Wir haben einfach erzählt, dass wir heute alle verschlafen haben. Ich habe die größeren zwei bei Joel abgesetzt und Benni habe ich Liliane aufs Auge gedrückt. Mach dir keine Sorgen. Bis um vier sind alle versorgt. Mathias und Jonas bei Joel und der Kleine bei Mathilde. Denkst du, das geht? Bis um vier Uhr? Ich kann auch fragen, ob sie…“

„Das ist nicht nötig“, unterbrach Tara rasch. „Vier Uhr ist gar nicht nötig. Ich kann sie abholen.“

„Magst du dir nicht diesen Tag gönnen? Wenn du so müde bist… ich meine, nach dem Schifahren gestern ist es vielleicht ganz gut, wenn du dir einen Tag zum Ausspannen nimmst. Alle sind versorgt und ich sehe zu, dass ich am Abend zum Essen komme. Ich könnte das Kochen übernehmen.“

„Henni, mir geht es gut. Ich musste nur ausschlafen. Ehrlich. Ich werde die Kinder abholen und du musst dir keine Gedanken mehr machen.“

Im Hintergrund hörte Tara ein eigenartiges Geräusch.

„Bist du etwa auf der Toilette?“, fragte sie erstaunt.

„Ich sollte eigentlich in einem Meeting sitzen“, erklärte er rasch.

„Na, dann geh zurück. Ich erledige alles.“

„Tara?“

„Ja?“

„Wie lange bist du schon wach?“

„Fünf, zehn Minuten?“, riet sie. Sein veränderter Tonfall behagte ihr gar nicht.

Zwei Sekunden verstrichen, dann öffnete er ihr die Augen für eine Tatsache, die alle Ängste des ungewöhnlichen Morgens erneut entfachte.

„Tara, der Kindergarten war vor einer halben Stunde fertig. Mathias wurde schon abgeholt.“

Das bedeutete, fügte ihr über Monate darauf ausgerichteter Verstand hinzu, dass Benjamin seit Ende der Spielgruppe schon eine ganze Stunde bei der Nachbarin war und Jonas in Kürze aus der Schule treten würde.

„Was?“

Tara suchte nach einer Uhr und hörte kein Wort von dem, was Henni zu ihr sagte.

„Ich hab doch nur verschlafen!“, rief sie dem Backofen zu, der behauptete, es sei bereits Mittag.

Das war unmöglich.

Henni opferte weitere Minuten seiner zu knapp bemessenen Zeit, um ihr gut zuzureden und er wartete, bis sie soweit zuhören konnte, um auch ruhiger zu werden. Am Ende sah sie ein, dass sein Vorschlag der einzige war, der diesem Desaster noch einen Rest an Sinn geben konnte.

Er hatte für alles gesorgt, die Buben waren betreut und am Abend würden sie sich Zeit für ein ausführliches Gespräch nehmen. Bis dahin durfte sie entspannen, einfach abschalten.

Tara fasste einen Entschluss. Wenn ihr Sterben von einem solchen Durcheinander wie heute begleitet werden würde, dann durfte sie das nicht hinnehmen. Nein, entschied sie, sie würde kämpfen. Um das morgendliche Aufstehen, um Alltag, um ihren Verstand.

 

 

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Quer durch Raum und Zeit

Tara wollte sich wehren. Ein Schitag mitten unter der Woche, das war absurd. Aus einer spontanen Idee geboren, entschuldigte Henni sowohl die Kinder als auch sich selbst und belud das Auto. Dies war ein so untrügliches Zeichen für ihre zerrinnende Zeit, dass Tara am liebsten eine Demonstration gegen ihre Familie angezettelt hätte. Nur mit Wasserwerfern und Helmen sollte man sie davon abhalten können. Sie wollte diese Ausnahmen nicht. Nein!

Im selben Augenblick sehnte sie sich nach diesem Tag. Mehr als angemessen schien es ihr, dass ihre vier Männer wegen ihr den gesellschaftlichen Konventionen den Rücken kehrten. Niemand würde sich dafür bedanken, wenn sie diese Chance ungenutzt verstreichen ließen. Sie hatten es alle verdient und für ein paar gemütliche Stunden am Übungshügel reichte auch ihre Energie bestimmt aus.

Schlussendlich verabschiedete sie sich von ihren rebellischen Gedanken.

Unermüdlich trippelte Benjamin zum Förderband und übte, damit er schon bald mit seinen Brüdern auf die steilere Piste nebenan wechseln konnte. Ebenso unerlässlich half ihm Tara beim Aussteigen oder wenn sich Schier und Beine allzu sehr verknoteten.

Die Mittagspause kam ihr allerdings gerade recht, damit sie sich von der ständigen Bewegung erholen konnte. Ihr Seniorenhandy passte mittlerweile ganz gut zu ihrem Aktionsbedürfnis.

Es war sonnig und überraschend warm. Als sie zu fünft auf der Terrasse des Gasthauses saßen, zogen sie alle ihre Winterjacken aus und füllten Millionen von Zellen mit hellen Strahlen auf.

Tara beobachtete, wie Henni mit einem Tablett durch die Bankreihen balancierte. Fünf Mal heiße Schokolade stand darauf. Dazu zwei Mal Würstchen, einmal Spaghetti und zwei Portionen Pommes.

Nach einem halben Tag an der frischen Luft wirkte er jünger und vitaler als in den letzten Wochen. Spontan erschien vor ihrem inneren Auge ein Bild aus früheren Zeiten. Eine gemeinsame Radtour und es ging über eine längere Strecke steil aufwärts. Tara konnte nicht mit Henni mithalten, er fuhr seinen Rhythmus und sie ihren, denn beide wussten, die Stelle kam, da fanden sie wieder zueinander. Schnaufend und schwitzend näherte sich Tara diesem Punkt, ein um das andere Mal blickte sie auf und sah ihn. Wie er mit roten Wangen und schon wieder ruhigem Puls dastand und auf sie wartete. Sein Lächeln wirkte dabei, als würde er sie sehnsüchtig erwarten, als wäre es keine Selbstverständlichkeit, dass sie zu diesem Treffpunkt kam.

Wie hatte sie diese Augenblicke geliebt!

Und genau mit diesem frischen Rot auf den Wangen kam nun Henni auf sie zu. Mit konzentrierter Miene zwar, dennoch konnte sie ihren Freund von früher deutlich erkennen. Er stellte das Tablett ab, die Buben beugten sich alle zeitgleich darüber und er ließ sie gewähren, weil er sich stattdessen an Tara wandte. Dazu richtete er sich auf und strahlte sie genau mit diesem unvergleichlichen Lächeln an. Asymmetrisch, weil sich das linke Auge ein wenig mehr schloss. Ein Lächeln, das er nun ganz alleine an sie verschenkte. Warum sie ihn derart anstarrte, sprachlos und höchst erfreut, konnte er kaum wissen, doch er war nicht verlegen, stellte auch keine Frage dazu. Ein Augenzwinkern seinerseits löste den Moment auf. Er hatte im Gegensatz zu Tara bemerkt, dass die Essensausgabe auf dem Tisch zu einem kleinen Disput geführt hatte und erwachsene Unterstützung nötig war, wollte man Pommes und Nudeln nicht demnächst vom Boden aufputzen.

Das Essen begann umständlich, weil sich angesichts der Speisen die Wünsche der Kinder noch einmal änderten und schnell Kompromisse gefunden werden mussten. Sobald die ersten Bissen in den Mündern verschwanden, wurde es aber ruhig und Henni knüpfte mit seinem Lächeln ganz einfach dort an, wo sie zuvor unterbrochen worden waren. Dieses Mal griff er über den Tisch hinweg Taras Hand, lehnte sich zu ihr und gab ihr mit einem „Schön, dass du da bist“ einen Kuss.

Das war es gewesen! Er wusste es! In ihm lebte offenbar genau in diesem Augenblick dieselbe Erinnerung, denn mit diesen Worten hatte er sie stets begrüßt, sobald sie ihr Fahrrad abgestellt hatte.

„Ich liebe dich“, antwortete Tara.

Henni streichelte ihre Wange und gab ihr noch einen Kuss.

„Ich liebe dich auch.“

„Mama, jetzt musst du das mit den Äpfeln sagen“, platzte Benjamin dazwischen.

In wenigen Minuten hatte er es geschafft, Ketchup über sein ganzes Gesicht und beide Hände zu verteilen. Er grinste Tara freudig an, während sie gar nichts verstand. Eben war sie noch zwanzig Jahre alt gewesen und hatte sich auf einer Fahrradtour mit ihrem Freund befunden.

„Was?“

„Das mit den Äpfeln“, wiederholte Mathias, der anscheinend genau wusste, was sein kleiner Bruder angesprochen hatte.

„Welche Äpfel?“

„Wegen den Pommes und der Schokolade“, erklärte schließlich auch noch Jonas. „Du musst sagen, dass wir danach etwas Gesundes essen müssen und die Äpfel aus dem Rucksack holen.“

Tara empfand es als ihre Mutterpflicht, dass sie bei jedem Schitag, der eine Ausnahmesituation in Punkto ausgewogene Ernährung darstellen durfte, auf ein wenig Obst zum Nachtisch bestand. Es war immer ein Hin und Her zwischen „Ich mag nicht“, „Ich bin satt“ und „Nur ein paar Bissen“ gewesen. Dieses Mal hätte sie tatsächlich darauf vergessen, es großzügig unter den Tisch fallen lassen. Wie wichtig war das aus ihrer heutigen Perspektive aus betrachtet? Die Buben hingegen liebten die Apfel-Diskussion, für sie war es, und das erkannte Tara in diesem Moment, ein wichtiges Ritual. Etwas, das die Mama immer machte, wenn es Pommes zum Essen mit Trinkschokolade gab.

Henni schmunzelte und Tara hätte ihm am liebsten gesagt, dass er sich das merken müsse. Auch später, im nächsten Jahr, wenn sie nicht mehr dabei sein konnte, dann musste er an die kleine grüne Plastikdose mit den Apfelstücken denken. Die war wichtig.

Statt es vor den Kindern auszusprechen, beugte sie sich über den Rucksack und genoss die freudvollen Kindergesichter, als sie wie ein Versprechen das bedeutungsvolle Utensil des bekannten Spiels auf dem Tisch platzierte.

Wenn ein Lächeln acht Jahre unbeschadet überdauern und unerwartet wiederbelebt werden konnte, dann musste es eine Plastikdose erst recht schaffen. Sie musste, bitte, bitte, betete Tara innerlich. Das wäre dann sie, die in grüner Form im Leben ihrer Söhne Platz bekam.

 

 

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Medaillendreher

„Alle reden nur vom Tod. Aber über den Tod gibt es nicht viel zu reden, den hat man. Man hat ihn vor sich, oder man hat ihn hinter sich. Tod ist immer und überall. Das Leben ist einmalig.“

 

„Alle reden nur vom Leben. Aber über das Leben gibt es nicht viel zu reden, das hat man. Man hat es vor sich, oder man hat es hinter sich. Leben ist immer und überall. Der Tod ist einmalig.“

Zwei Seiten einer Medaille.

Eine stammt von dem Autor Michael Köhlmeier („Die Abenteuer des Joel Spazierer“ – Dr. Williams philosophiert an jener Stelle).

Die andere von mir.

Warum ich beide hier einstelle? Weil mir die gelesene Version so verkehrt vorkam – ich wollte meine verschriftlichen.

Die Lösung dessen, was dieser Dr. Williams und was ich meine, findet sich in besagtem Buch auf Seite 521.

 

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Geatmet werden

War es normal, aufgeregt zu sein, wenn man zur Meditation fuhr?

Joels Mutter hatte auf Taras Mailanfrage umgehend geantwortet und ihr einen Termin zukommen lassen. Nun stand sie vor dem Yogazentrum und streckte sich nach der Autofahrt erst einmal durch. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie nun erwartete.

Am Empfang wurde Tara von einem per aufgestelltem Namensschild ausgewiesenen David / Trainee begrüßt und zum Warten in die Küche geführt. Tee, Kekse und Obst gab es zur freien Entnahme, doch sie verspürte keinen Hunger. Wenn sie zu viel aß, rächte sich das außerdem in anhaltenden Magenbeschwerden.

Simone kam mit langen Schritten auf sie zu. Tara kannte sie von Joels Hochzeit und einzelnen Geburtstagsbesuchen. Ihre Haare waren seit dem letzten Kontakt kürzer geworden, reichten nur noch knapp bis zu den Ohren. Um den Hals trug sie wie immer schon den Ehering ihres verstorbenen Mannes, der mit einem Lederband verknüpft war. Die Augen aufmerksam und von Lachfalten umgeben, was ihr ganz allgemein einen sympathischen Ausdruck verlieh.

Zusammen begaben sie sich in einen kleinen Raum, in dem es für aktiven Yoga zu warm gewesen wäre. Es duftete gut und Tara entspannte sich langsam.

In zwei Sesseln saßen sie sich gegenüber und Tara versuchte stotternd zu erklären, weshalb sie diesen Termin gewünscht hatte. Dass sie todkrank war, erwähnte sie nicht, stattdessen die innere Unruhe, die sie manchmal befiel und die über weite Strecken schlaflosen Nächte.

Simone lachte.

„Ja, ich habe eine gute Vorstellung. Du wirst schon beim Reden darüber ganz zappelig“, meinte sie freundlich.

Tara seufzte.

Auf Simones Vorschlag hin, ließ sie sich auf ein weiches Fell auf den Boden betten. Mit Kissen unter dem Kopf und den Knien wurde eine möglichst angenehme Liegeposition angestrebt.

„Möchtest du gerne Musik oder es lieber ganz in der Stille versuchen?“

Die Stille und deren drückende Schwere kannte Tara aus ihren Nächten zur Genüge, deshalb entschloss sie sich für die musikalische Begleitung.

Mit samtigen Worten führte Simone Tara zu sich, in ihren Körper. Jeder Teil wurde wahrgenommen und bewusst entspannt. Was über Sicherheit und Geschützt-Sein gesagt wurde, weitete sich in Tara aus, ohne als direkte Ansprache registriert zu werden. Die Wärme und die leise Musik lullten sie vollkommen ein.

Womöglich, schoss es ihr blitzartig in den Kopf, war sie nur müde und würde in wenigen Minuten einfach einschlafen.

Simone führte sie zu ihrem Atem und Tara konzentrierte sich angestrengt. Sie wollte sich nicht die Blöße geben.

„Versuch dich auszudehnen. Spüre den Boden unter dir“, sprach Simone und danach weitere einzelne Sätze. „Auch er pulsiert. – Die Erde atmet. – Ihr Einatmen erhebt auch dich, ihr Ausatmen ist Massage. – Du wirst geatmet. – Mutter Erde atmet dich.“

Die Worte verschwammen in der Großartigkeit des Erlebnisses. Bei wachem Verstand hätte Tara das nicht für möglich gehalten, doch sie konnte genau dieses große Pulsieren spüren. Es tat so wohl. Sie fühlte sich getragen und mit dem Gefühl, von dieser überdimensionalen Macht geliebt zu sein, flossen heiße Tränen. Der Kampf des täglichen Lebens glitt von ihr ab, sie lag einfach hier und wurde geatmet. Tara spürte, wie sie es aus Angst vor möglichen Schmerzen nicht mehr gewagt hatte, Luft tief in ihre Lungen einzusaugen. Nun, da sie selbst im Grunde gar nichts tun musste, kehrte der Atem wie von selbst zu ihr zurück. Wenn diese enorme Kraft, die sie um sich spürte, das tat, dann vertraute sie darauf, dass es nicht wehtun würde. Sie ließ noch ein kleines Bisschen mehr los.

Nachdem undefiniert viel Zeit vergangen war, regte sich in Tara die Befürchtung, dass dieses Erlebnis schon bald beendet sein würde. Dass Simone die Meditation auflösen würde und die Musik erstarb. Doch als sie ihre Ohren spitzte, konnte sie keine Bewegung von Simone hören, es gab nichts, das ein Ende eingeläutet hätte, das Musikstück schien in Endlosschleife zu laufen.

Noch einmal begab sich Tara in den Zustand, der ihr das Schönste war, das sie seit langem gespürt hatte.

Irgendwann zog sich das große Pulsieren, der Atem der Erde zurück. Der Eindruck, getragen zu werden, wurde langsam weniger und der Boden unter dem Körper nahm an Härte zu. Tara kam wieder in diesem Raum, in ihrem Körper an. Dabei wollte sie noch nicht aufwachen. Ihre Augen blieben zu und zum Schutz noch die Handflächen darüber. Sie würde sterben und das alles hier, auch die Gegenwart der Erde, würden ihr unendlich fehlen. Das Leben mit all seinen Eindrücken, dem Vogelgezwitscher, dem Schneeknirschen, den Sommerregen und Herbststürmen war so wunderbar, dass sie nicht gehen wollte. Nicht jetzt, nach so kurzer Zeit schon.

Obwohl es ein eigenartiges Bild sein musste, wie sie so mit Händen auf dem Gesicht weinend dalag, ließ Simone nichts von sich vernehmen. Irgendwo musste sie vollkommen regungslos sitzen und was? Sie beobachten? Hatte sie die Augen selbst geschlossen? War sie womöglich gar nicht mehr im Raum?

Nunmehr interessiert blickte sich Tara um und sah, dass Simone unweit von ihr völlig regungslos mit überkreuzten Beinen saß.

Erst als sich Tara wieder gefasst hatte, gereckt und gestreckt, erwachte auch Simone zum Leben.

Die Verabschiedung erfolgte mit einer herzlichen Umarmung.

„Keine Sorge“, sprach Simone in ihr Ohr, „ich werde es keinem verraten.“

Anfangs war Tara geschockt. Konnte diese Frau womöglich Aura sehen, Gedanken lesen oder ähnliches? Doch mit den Metern und Kilometern, die sie sich entfernte, wuchs die Vermutung, dass sie ihre Gedanken zum Leben, ohne es zu wollen, laut ausgesprochen hatte. Ihr Herz schlug schneller. Ja, hoffentlich verriet Simone ihrem Sohn nichts davon. Tara wollte nicht, dass Joel auf diesem Weg davon erfuhr. Wenn – eines Tages dann –, so musste sie es ihm persönlich mitteilen.

 

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Urlaub nur im Kopf

Zum Mittagessen kam Henni an diesem Montag nach Hause und brachte dabei praktischer Weise auch die drei Kinder mit. Das war in den letzten Jahren nur selten vorgekommen.

Was hingegen gar keinen Platz mehr gehabt hatte, das war das Meer. Tara blätterte versonnen in einer Hochglanzbroschüre. In der anderen Hand hielt sie ihre Kaffeetasse und schwelgte in den angepriesenen Urlaubsreisen voller Wärme, Sonne und bunter Cocktails.

Das letzte Mal als Tara am Meer gelegen hatte, war sie einundzwanzig Jahre alt gewesen. Es hatte sich um einen herrlichen Spätsommer gehandelt und gemeinsam mit Henni war sie braun geworden und im Glück geschwommen. Im folgenden Jahr, wenige Tage vor ihrem Geburtstag kam dann Jonas zur Welt und diese Art von Urlaub war vorbei. Seither waren sie höchstens ein paar Tage an einen See gefahren oder in ein Familienhotel. Ein Kind, bald das zweite und schließlich Benjamin hatten lange Reisen völlig undenkbar werden lassen.

Heute gab sich Tara allerdings den Träumen hin. All-inklusive, also auch mit Stunden nur für sich selbst zum Schlafen, Träumen und Lesen.

„Das wäre schön“, seufzte sie für sich.

Henni blickte von seinem Computer auf.

„Was?“

„Urlaub am Meer. Das sollten wir mal wieder machen.“

Er tippte schon wieder weiter.

„Klar. Such dir etwas aus und buche…“, entweder zögerte er oder war von seiner Arbeit kurzfristig abgelenkt, „buche etwas Schönes für uns.“

Seine Zustimmung, die ganz nebenher ausgesprochen wurde, machte sie nicht glücklich. Vielmehr warf es sie aus ihrem Traumschloss und ließ sie hart in der Gegenwart aufknallen. Der kommende Sommer würde schon zu spät für sie sein.

„Wo möchtest du hin?“, fragte sie nicht mehr euphorisch und beobachtete Henni.

„Egal was. Wir werden eine schöne Zeit haben“, antwortete er sofort.

Zu schnell. Automatisch. Er war nicht wirklich Teil dieser Unterhaltung. Schweigend beobachtete sie seinen versteinerten Gesichtsausdruck, der auf den Bildschirm fixiert war. Nach einer Weile bemerkte er das und sah auf.

„Was, Tara?“ Es klang nach einer Anschuldigung.

Sie richtete sich auf und schob die Prospekte von sich weg.

„Kannst du bitte aufhören immer nur ja und mach nur zu sagen? Du gibst mir das Gefühl, als sei dir alles recht, weil ich bald die Radieschen von unten ansehe. Im Grunde interessiert dich ein Urlaub nicht, du willst gar nicht verreisen.“

Anstatt abermals wie automatisiert zu antworten, strich sich Henni über die Stirn, zog einen Mundwinkel zurück und atmete durch.

„Das tut mir leid. Ich wollte dir nicht das Gefühl geben, als sei mir das egal. Lass uns am Abend gemeinsam die Angebote ansehen und dann entscheiden wir, was das Richtige für uns ist.“

Während sie noch überlegte, was sie von dieser Entschuldigung halten sollte, widmete er sich wieder seiner Arbeit.

Nach wenigen Sekunden hob er allerdings ruckartig den Kopf. Von dem Entgegenkommen und dem Leid-Tun war nichts mehr in seinem Ausdruck vorhanden.

Er stemmte die Hände zu beiden Seiten auf den Tisch.

„Und außerdem“, begann er in herrischem Ton, „musst du schon verzeihen, dass ich manchmal sehr wohl im Kopf habe, dass uns nicht mehr endlos Gelegenheiten geschenkt werden. Manchmal muss ich mir das sogar vorstellen und es wichtiger als alles andere werden lassen. Ansonsten würde ich dich nämlich in eine psychiatrische Anstalt einweisen lassen, wenn du mit den Kindern in einem selbstgebauten See planschst und dabei den Parkett versaust!“

Es war heraußen, das spürte Tara genau. Worte, die er schon lange in sich trug.

Mit aufgeregten Lidschlägen und einem leeren Schlucken fasste sie sich wieder.

„Ich brauche jetzt einen Schnaps!“, verkündete sie dann und stand auf.

„Du… was?“ Damit hatte sie nun Henni aus der Bahn geworfen.

„Wenn du mich eh einweisen lassen willst, kommt es auf einen Grund mehr oder weniger nicht an.“

Er erhob sich ebenfalls.

„Du wirst nicht anfangen, mitten am Tag Alkohol zu trinken!“, bestimmte er.

Das hatte sie auch nicht wirklich vorgehabt. Eine spontane Idee, ein Scherz war es gewesen, doch ihr war selbst nicht zu Lachen zumute.

„Glaubst du, dass mir die Krankheit den Verstand rauben wird?“, wollte sie an ihren Mann gerichtet wissen. „Glaubst du, dass ich verrückt werde?“

Tatsächlich stimmte fast gar nichts mehr in ihrem Leben. Alles stand Kopf und was früher undenkbar gewesen war, das tat sie nun. Stundenlang am Boden spielen und dafür die Hausarbeit liegen lassen, die Haare erst am Nachmittag waschen, in Jogginghosen zur Schule fahren, dem Wellness abschwören, mit den Fingern essen. Womöglich war sie wirklich dabei, sich selbst zu verlieren.

„Nein“, antwortete Henni. „Aber ich werde fast verrückt. Das alles macht mir eine solche Angst, dass ich gar nicht weiß, wohin damit.“

Er trat zu ihr und legte die Hände auf ihre Hüften. Tara streichelte sein Gesicht. Heute hatte er sich nicht rasiert, auch das war neu.

„Du wirst das schaffen, Henni. Du bist stark und mit beiden Beinen am Boden.“

„Wenn die Kinder nicht wären…“, flüsterte er und Tara wurde von einem eisigen Schauer erfasst.

„Henrik! Denk nicht einmal daran! Du wirst leben! Auf alle Fälle!“

Er wollte sich ihr entwinden, doch sie hielt ihn fest. Sie musste von ihm hören, dass er es schaffen wollte, auch ohne sie glücklich zu sein. Der Henni, den sie kannte, der durfte nicht mit ihr sterben. Nicht einmal zum Teil.

„Ich will, dass du lachst und das Leben genießt. Nicht nur für die Jungs. Du musst auch selbst Leben in dir spüren.“

„Tara“, sprach er verzweifelt.

„Nicht Tara! Nein! Wo… Stell dir vor. Wo soll denn ich dann sein? Du bist mein Alles. Jetzt und dann noch viel mehr.“

Einige Zeit sprach sie wahllos auf ihn ein. Beschwor ihn, schimpfte und bat, damit er auch wirklich verstand, wie wichtig es für sie war, dass er nicht aufgab. Dass er die Trauer überwinden würde und für sich und die Buben ein Leben in Fülle erfuhr.

Nachdem er einige Zugeständnisse gemacht hatte und mit leisem Widerwillen versprach, ihre Wünsche zur respektieren, begann Tara an diesem Tag damit, ihre eigene Trauerfeier zu planen.

 

Mehr von Tara und Henni

 

 

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Kreislauf mit Nahtstelle

Das Heimkommen war mit Abstand der beste Teil des Wochenendes. Selbst wenn Tara noch hundert Jahre alt werden würde, sie wusste, niemals wieder würde sie zum Wellness fahren. Sie erkannte, dieses gekünstelte sich Gut-gehen-Lassen hatte vor allem damit zu tun, dass sie ihr Leben im Alltag nicht wirklich gelebt hatte. Nur daher kam das Bedürfnis nach Wegfahren, Massagen und Herumliegen. Aber mittlerweile hatte Tara gelernt, das auch zu Hause zu bekommen. Sie umarmte ihren Mann und die Kinder so oft wie möglich, wurde selbst in die Arme genommen, sie rastete, wenn sie eine Pause brauchte und sie plante kleine Genuss-Oasen ganz bewusst ein. Mehr brauchte sie nicht. Niemand brauchte mehr.

Nachdem Tara die Kinder zu Bett gebracht hatte, fand sie Henni mit seinem Notebook auf der Couch.

„Bedeutet Homeoffice, dass du von nun an auch am Sonntag arbeitest?“, fragte sie und setzte sich ihm gegenüber.

Er ließ es sich gerne gefallen, seine Beine mit ihren zu verknoten.

„Nur ein bisschen noch“, murmelte er und weil er gar so vertieft schien, schnappte sich auch Tara ihren Laptop.

Es war nicht schwer die Mailadresse von Joels Mutter zu finden. Sie arbeitete in einem Yogastudio und wurde auf der Homepage persönlich aufgeführt. Tara schickte ihr eine kurze Mail, in der sie ihren Wunsch äußerte, in einer persönlichen Einheit das Meditieren erlernen zu wollen.

Henni saß ihr mit strengem Blick gegenüber. Er war gänzlich in seine Arbeit vertieft.

„Vielleicht solltest du einmal ein Wochenende mit Freunden verbringen. Eine Auszeit für dich nehmen“, schlug sie spontan vor.

Nur, weil sie nun wusste, dass ihr Platz zu Hause war, bedeutete das noch lange nicht, Henni müsse es genauso gehen. Immerhin hatte er in der letzten Zeit mehrmals davon gesprochen, sich eine Pause zu wünschen.

Ihre Worte fielen nicht gerade auf fruchtbaren Boden.

„Fang du nicht auch noch an!“, gab er unwirsch zurück.

„Warum? Wer sagt das noch?“

Ruckartig sah er hoch und blickte in ihre Augen. Dann atmete er hörbar aus und deutete auf den Bildschirm.

„Ich lese manchmal in so Foren.“

Die Art wie er das sagte und die Tatsache, dass es ihm nicht leicht fiel, diese Worte auszusprechen, machte es für Tara klar, von welcher Art von Foren er sprach. Es ging um einen Austausch mit Menschen, die zu den Hinterbliebenen gehörten.

„Und was steht da?“, erkundigte sie sich mit belegter Stimme.

„Tara, hast du Angst vor dem Tod?“

Dieser Themenumschwung brachte sie kurzfristig aus dem Konzept.

„Nein, nicht direkt. Eher fürchte ich mich davor, wie mein Leben am Ende aussehen könnte. Schmerzen zum Beispiel.“

Er schien von der Antwort begeistert.

„Eben! Genau das meine ich auch. Die meisten hier reden sich nur gegenseitig zu, wie sie das Leben noch schaffen. Ständig soll man an sich selbst denken, Auszeit nehmen, in Urlaub gehen und das ganze Zeugs. Ich verstehe das schon. Auf die Dauer…“ Er schluckte den Rest des Satzes hinunter. Von einem Leidensweg über Jahre, wie es andere erlebten, war bei ihnen keine Spur. Er kam zurück zu seinem Anliegen: „Aber bei vielen scheint mir, als läse ich nur von der Angst, dass der Tod in ihr Leben eintritt.“

„Und bei dir ist das anders?“

Henni klappte das Notebook zu und sah sie zärtlich an.

„Ich will nicht, dass du stirbst. Das zerreißt mir das Herz. Aber ich würde es mir niemals verzeihen, wenn ich auch nur eine Sekunde verpasse. Von deinem Leben und auch von deinem Sterben. – Entschuldige. Das klingt komisch.“

Für Tara waren dies die wohltuendsten Worte seit langem. Ihr Mann, ihr Freund – schlicht: Henni musste nicht bei ihr bleiben, nein, er wollte es.

Sie krabbelte zu ihm und schmiegte sich an seine Brust.

„Manchmal stelle ich mir vor, wie es sein wird. Dass du mich dann so wie jetzt ihm Arm hältst“, flüsterte sie.

Diesen Gedanken hatte sie noch nie zuvor ausgesprochen.

„Wie denn sonst?“, hörte sie seine Stimme ganz dicht an ihrem Ohr. Er schniefte und streichelte ihren Kopf. „Wie sonst sollte es sein? Ich bin da.“

Henni war ein mutiger Mann. Kein klassischer Held, der mit Tamtam und Gebrüll Aufmerksamkeit erregte. Er zeigte seine Stärke genau jetzt. Er half Tara jeden einzelnen Tag ihres Lebens als Leben zu begreifen und auch umzusetzen. Dabei scheute er sich nicht, diesen Weg mit ihr zu gehen und für die Kinder und sich selbst würde er es schaffen, auch ihrem Tod einen Platz zu geben. So, dass das Ende kein Abbruch, sondern stattdessen zu einer Nahtstelle in einem fortwährenden Kreis wurde.

Es tat so wohl, das zu erkennen, dass Tara fast augenblicklich und völlig entspannt einschlief.

 

 

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